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Freischwimmer in Amritsar

Juni 18, 2008

Nach ein paar Tagen in Delhi wurde es mal wieder Zeit fuer einen Tapetenwechsel. Die Frage, wohin es gehen sollte war auch schnell geloest: raus aus der Hitze und nicht in den von Sueden aufziehenden Monsun. Beides sollte eigentlich einfach sein, es stellte sich aber heraus, dass zumindest die letzte Vorgabe nicht eingehalten werden konnte (dazu spaeter mehr).
Es ging also Richtung Norden, nach Amritsar und nach Dharamsala/MacLeod Ganj (wo ich momentan noch bin).
Freitag frueh morgens rein in den Expresszug nach Amritsar, 6 Stunden Fahrt vor uns>
Indische Expresszuege (und indische Zuege im Allgemeinen) verspruehen den Charme eines DDR Plattenbaus: Plastikbezuege, Metallgestelle, dunkle Farben und tlw. (je nach Klasse) vergitterte Fenster.
Dafuer gibt es aber auch Vorzuege, an denen sich die Deutsche Bahn ruhig mal orientieren koennte. Gratis Zeitungen, im Preis enthaltenes Fruehstueck (oder Abendessen, je nach Tageszeit) und Kaffee/Tee satt. Anstatt 17 Euro fuer einen laschen Kaffee und ein Frikadellenbroetchen bei der DB hinzublaettern gab es hier um 8 erstmal ein vernuenftiges Omelette.
Beim Zeitungsschmoekern dann die schlechte Nachricht: „Monsoon to hit Delhi in 72 hours“. Frei uebersetzt heisst das soviel wie „Land unter und Luftfeuchte von ueber 90% in spaetestens 3 Tagen in der Hauptstadt“. Zudem bringt der Monsun einen sogenannten Pre-Monsoon mit sich, der idR etwas frueher eintrifft und fast monsunartige Regenfaelle mit sich bringt. Ergo wuerde heftiger Regen auch 1-2 Tage spaeter in Amritsar eintreffen. Ich fuer meinen Teil hatte den alten Vorhersagen geglaubt, die den Monsun Ende Juli eintreffen liessen und habe daher die Regenklamotten schoen sauberlich gefaltet in Delhi gelassen. Super Start…
Wer sich garantiet auch nicht ueber den fruehen Monsun gefreut hat, sind die Jungs von der New Delhi Municipal Corporation (NDMC). Die sind u.a. fuer die Verkehrsinfrastruktur in Delhi zustaendig. Dazu gehoert auch die Abwasserkanaele fuer den Monsunregen frei zu bekommen. 2 Tage vor der Fahrt nach Amritsar hatte die Hindustan Times berichtet, dass von diesen insgesamt knapp 2000 Kanaelen doch immerhin schon 300 freigeraumt seien. Ein NDMC Sprecher gab natuerlich im Anschluss zu verstehen, dass man bis zum Monsun Ende Juni alles frei bekaeme. Nunja, wie nicht anders zu erwarten ist in Delhi momentan Land unter und die NDMC hat den Ruf von oeffentlichen indischen Einrichtungen mal wieder alle Ehre gemacht.

Aber zurueck zur Tour:
Amritsar an sich hat nicht sonderlich viel zu bieten. Die Altstadt hatte garantiert mal wunderschoene Hauserfassaden aufzuweisen, leider war das wohl kurz nach der Unabhaengigkeit. Heute ist die Altstadt das uebliche Gewirr aus viel zu engen und ueberlasteten Strassen, tiefhaengenden Stromleitungen und abrissreifen Hausern. Und mittendrin der Goldene Tempel, das Heiligtum der Sikhs. Und dieser Tempel macht einen Kurztrip nach Amritsar trotzdem lohnenswert. Bilder und Geschichte des Tempels gibt es ausfuehrlich bei Wikipediam, daher klammere ich das mal aus und schreibe lieber ueber die einzigartige Atmosphaere innerhalb des Tempelkomplex.
Als Europaer wird man in Delhi desoefteren (fast immer) angestarrt und wenn man darauf mit einem Laecheln reagiert, kommt keinerlei Reaktion zurueck. Da fragt man sich manchmal schon, was diese grimmigen Blicke eigentlich bedeuten sollen. Mir wurde erklaert, dass das nicht unbedingt abwertend gemeint ist auch wenn man haufig genau diesen Eindruck hat. Ich nehms einfach mal als kulturellen Unterschied hin.
Im Komplex des Goldenen Tempels wird man ebenfalls angestarrt, aber man spuert die Neugierde der Menschen und fast Niemand blickt den Normalo-Touri ohne ein Laecheln an. Eine ganz neue und erfrischende Erfahrung. Die Leute hier sind viel offener und nehmen einen quasi be der Hand und machen eine Fuehrung durch den Tempel. Freundlich bekommt man Details erklaert und wird darauf hingewiesen, wie man sich in den einzelnen Gebauden verhalten soll. Auch die Tempel Security (traditionell mit schweren Schwertern behangen, was auf den Krieger-Kasten Ursprung der Sikhs hinweist) ist sofort zur Stelle, wenn man mal wieder ein bischen verlegen aus der Waesche schaut und ncht so genau weiss, ob man gerade ein akzeptables oder ruedes Verhalten an den Tag legt.
Was Sikh Tempel im Allgemeinen auszeichnet ist, dass man dort (egal ob Sikh, Christ oder Unglaubiger), wenn man denn will, ein freies Mahl erhaelt. Laut Lonely Planet bereitet die Tempel eigene Kueche taeglich zwieschen 30 und 40 Tausend Gerichte zu. Dementsprechend gross ist die Kuechenanlage: kubikmetergrosse Kochtoepfe, Brotbackmaschinen, Feuerstellen, 100l fassende Teetoepfe, ein riesen Berg Feuerholz, Dutzende Freiwillige zum Geschirrspuelen, Hunderte Menschen auf dem Boden sitzend und essend und ich mittendrin auf privater Fuehrung. Ich habe nichtmal gefragt, ob ich mir das anschauen darf, ich wurde quasi vom Fleck weg gecasted und in die Kueche gefuehrt. Ein Mahl und 2 Tees spaeter bin ich wieder raus aus der Kueche und sitze am kuenstlichen See (in dessen Mitte der Goldene Tempel steht), schnacke mit Indern aus allen Teilen des Landes und schaue einfach nur fasziniert den Massen zu.
Definitv ein Must See fuer einen Indienurlaub!
Jetzt kann ich auch die Blicke der Leute in Delhi besser einordnen. Es kann ja nicht sein, dass man ausserhalb Delhis meist freundlich betrachtet wird und in Delhi nur Spinner rumlaufen, die einen mit Blicken toeten wollen. Die koennen es einfach nicht rauslassen ;) (auch wenn fast alle Inder ausserhalb Delhis sagen, dass in Delhi eben nur Spinner leben :D ).

Und nun zurueck zum Monsun:
der hat dann in Amritsar auch zugeschlagen und die Stadt tatsaechlich vollstaendig absaufen lassen. Wir haben uns vor dem Regen in eine Coffee Day Filiale (die indische Starbucks Variante, auch wenn nie jemand zugeben wuerde, dass man die kopieren wuerde) gefluechtet und hoerten die uebliche Coffe Day Musik. Scheinbar haben alle Coffee Day Filialen dieselbe CD in Dauerrotation. Das waere an sich nicht schlecht, wenn die Musik nicht total sch… schlecht waere. Waehrend draussen gerade die Welt untergeht, ertoent im klimatisierten Inneren Desert Rose von Sting. Irgendwo im Text singt dieser dann „i dream of rain eeejayjayjayjay“ (ihr kennt sicherlich das Gejohle in diesem Song noch); passt super… Draussen am Strassenrand gibt unterdessen ein Verteilerkasten (?) am Strommast seinen Geist auf. Zuerst wird mit einem Blitz aus dem Inneren des Kastens die Aufmerksamkeit der Cafebesucher erregt, mit einem zweiten Blitz wird auch der letzte Unwillige gezwungen hinzuschauen. Dann gibt der Kasten mit einem infernalischen Funkenregen den Geist auf, eine tolle Inszenierung. Die musikalische Untermalung uebernehmen die Venga Boys mit dem Kracher „Boom Boom Boom Boom (i want you in my room)“, gefolgt von den glorreichen Aqua und „Barbie Girl“.
Das war dann schlichtweg zuviel und wir nahmen die erste Riksha zurueck zum Guesthouse. Durch teilweise knietiefes Wasser (natuerlich waren wir komplett nass) ging es im Schneckentempo durch die Strassen. Vor uns kippten reihenweise Fahrradrikschas um, weil man durch knietiefe braune Bruehe naturlich keine granattrichtergrossen Schlagloecher erkennen kann. Ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, habe ich mich nicht in die Fluten geworfen und kam halbwegs unversehrt im Hotel an.

Am naechsten Tag ging es zur indisch-pakistanischen Grenze, wo jeden Tag unter den Augen von tausenden Zuschauern die Grenze geschlossen wird. Dazu marschieren indische und pakistanische Soldaten pfauenartig voreinander auf und ab, posieren in allen moeglichen Formen und versuchen somit das Publikum dermassen anzustacheln so, dass es lauter ist als die Gegenseite. Ein Spass fuer die ganze Familie und fast wie im Fussballstadion (hier gabs sogar nen Capo!).
Und darauf ging es mit dem Bus nach Dharamsala (ja, das ist da wo der Dalai Lama lebt wenn er nicht gerade unterwegs ist), wo ich jetzt noch bin und auch noch bis Freitag bleiben werde.

Bilder gibt es wohl erst wieder, wenn ich kurz nach Delhi zurueckkomme.

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